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Interview mit Prof. Karin Wolf

von Redaktion NRW

Haben es Kinder großer Familien schwerer, ein Musikinstrument zu erlernen? Auf den ersten Blick ja, schließlich muss der Unterricht und (das Üben) organisiert und auch bezahlt werden. Dank Institutionen, wie der Musikschule in Mönchengladbach (verlinken) mit ihrer großfamilienfreundlichen Preisstaffelung, muss ein Instrument auch für viele Geschwisterkinder nicht unbezahlbar sein – und das ist für alle gut. Auch Frau Prof. Karin Wolf, erfolgreiche Bratschistin, Gründungsmitglied des renommierten Verdi Quartetts und engagierte Professorin, betont die Wirkung der Musik auf die ganze Persönlichkeit. Als sie auf einem Seminar mit einem unserer Mitglieder ins Gespräch kam, erklärte sie sich spontan bereit, mit uns über die Instrumentalerziehung von Kindern zu sprechen – und findet es sehr spannend, dass es eindeutig einen Zusammenhang zwischen großen Familien und dem Musizieren gibt.

 

Interview: Daniela Nagel

 

Liebe Frau Wolf, Wann haben Sie angefangen, Violine zu spielen?

                                                                                                         

Mit 5 Jahren bekam ich meine erste Opernkarte für Hänsel und Gretel zum Geburtstag geschenkt, seitdem wollte ich Geige lernen. Aber erst mit  9 Jahren durfte ich anfangen, zuerst sollte ich Blockflöte spielen. Erst nach meinen Abschlüssen an der Musikhochschule wechselte ich zur Bratsche.

 

Welche Rolle spielte dabei Ihre eigene Familie?

 

Meine Eltern spielten beide Klavier und legten Wert darauf, dass meine Geschwister und ich ein Instrument erlernten. Außerdem wurden in unserem Haus Konzerte veranstaltet, bei denen ich dabei sein durfte.

 

Kommen Sie selbst aus einer größeren Familie oder hätten Sie gerne mehr Geschwister gehabt?

 

Ich habe 3 Geschwister, 2 Schwestern und einen Bruder.

 

Was bewirkt das Musizieren Ihrer Meinung nach bei Kindern?

 

Da viele Kinder mit dem Früherziehungs- oder Instrumentalunterricht beginnen bevor sie in die Schule kommen, bedeutet das, dass sie die Notenschrift bereits kennen, bevor sie Schriftzeichen erlernen. D.h. sie sind mit einem System vertraut, welches Laute in sichtbare Zeichen umsetzt und umgekehrt. Diese Kinder lernen im Allgemeinen sehr viel schneller Lesen und Schreiben als die nicht musisch vorgebildeten Kinder.

 

Die Tatsache, dass es Kinder, die ein Instrument erlernen, gewohnt sind zu üben, d.h. sich regelmäßig einer Disziplin zu unterwerfen, fördert ihre allgemeine Haltung Aufgaben gegenüber, die ohne Fleiß und Ausdauer nicht zu bewältigen sind.

 

Das Erlernen eines Instruments fordert den ganzen Menschen in hohem Maße heraus. Musik machen ist nur möglich, wenn Körper, Geist und Intuition perfekt zusammen funktionieren. Vorspielen auf einer Bühne oder die Teilnahme an einem Wettbewerb wie z.B. Jugend musiziert bedeutet für das Kind, alles Erlernte und Geübte in einem kurzen Moment abrufbar zu haben und akkurat auf den Punkt zu bringen. Das ist eine immense Herausforderung, und der Erfolg bei solchen Gelegenheiten strahlt in alle Bereiche des Lebens hinein.

 

Nicht zuletzt ist auch das Spielen in kleineren oder größeren Ensembles eine Erfahrung, die, ebenso wie der Sport, Aufmerksamkeit für den Mitspieler erfordert und damit soziale Kompetenzen schult.

 

Welche Erfahrungen haben Sie speziell mit Kindern aus großen Familien gemacht? Besitzen die Kinder etwa besonders gute Eigenschaften für ein Orchester?

 

Oft sind es die Kinder aus großen Familie, die an ein Instrument herangeführt werden. Das mag mit dem alten Familienbild zusammenhängen, welches die Hausmusik ins Zentrum des Familienlebens stellte. Vielleicht ist es aber auch so, dass Eltern, welche sich für eine große Familie entschieden haben, auch bereit dazu sind, sich mit ihren Kindern zusammen für solche Dinge wie Musik zu einzusetzen und nötigenfalls zu plagen. Ohne die Unterstützung der Eltern funktioniert nämlich gar nichts. Die Organisation des Unterrichts z.B., zu dem die Kinder häufig gebracht und abgeholt werden müssen, ist ohne die Hilfe eines Elternteils undenkbar. Auch die Ermunterung oder Ermahnung zum Üben (neben Hausaufgaben, Sport, Freunden etc.) und die unvermeidbaren Kämpfe darum müssen von den Eltern getragen werden. Für Ereignisse außerhalb  des „normalen“ Stundenplans (Aufführungen, Wettbewerbe, außerplanmäßige Unterrichtsstunden, Kurse etc.) müssen Eltern sich ebenfalls Zeit nehmen.

Überdies sind der Musikunterricht und der Erwerb eines Instrumentes nicht ganz billig. Auch hier müssen Eltern bereit sein, möglicherweise auf andere Dinge zu verzichten.

 

Was sollte getan werden, um möglichst allen Kindern, die möchten, Zugang zu einem Instrument und Unterricht zu verschaffen?

 

Mit unserem jetzigen Schulsystem halte ich es für immens wichtig, dass der allgemeine Musikunterricht überhaupt stattfindet!

Der Instrumentalunterricht ist in der Regel Einzelunterricht. Damit nicht ein völlig übermüdetes Kind nach einem langen Schultag noch in die Musikschule oder zu seinem Lehrer gehen muss, sollte es möglich sein, diesen Unterricht in die Schulzeit, z.B. in die Freistunden, zu integrieren. Auch sollten Räume zur Verfügung stehen, in denen die Kinder während ihrer Freistunden die Möglichkeit haben zu üben.

Statt die Fördermittel für für Jugendmusikschulen einzusparen, sollten Städte und Gemeinden im Gegenteil dafür sorgen, dass der Instrumentalunterricht so preiswert gestaltet werden kann, dass es wirklich jedem möglich ist, ein Instrument zu erlernen. Überdies sollte es den Musikschulen ermöglicht werden, mehr und vor allem bessere Instrumente zum Verleihen anzuschaffen.

Die Versuche, möglichst viele Kinder gleichzeitig an ein Instrument heranzuführen (Jeki etc), halte ich nur dann für sinnvoll, wenn nach kurzer Zeit für die begabten Kinder, die Lust haben, sich mit einem Instrument wirklich zu beschäftigen, sofort ein Platz für Einzelunterricht an einer Musikschule vorhanden ist.

 

Unterrichten Sie selbst noch andere Schüler, obwohl sie selbst erfolgreiche Musikerin sind? Wenn ja, was bedeutet Ihnen das?

 

Ich selbst habe immer sehr gerne kleine Kinder unterrichtet, insbesondere auf der Bratsche. Da es lange Zeit nicht üblich war, Kinder schon mit 4 oder 5 Jahren mit der Bratsche anfangen zu lassen (gewöhnlich beginnt man mit der Geige) war ich da auf einem großen Experimentierfeld, welches ich sehr gerne bearbeitet habe.

Ich lerne gerne von den Fragen und der Logik der Kinder und komme auf viele Ideen z.B. technischer Art, die ich für mich selbst gebrauchen oder meinen Studenten weitergeben kann.

 

Sie gehören zu den wenigen Glücklichen, die ihre Leidenschaft und Begabung zum Beruf gemacht haben. Würden Sie den Nachwuchs ebenfalls darin bestärken? Und wenn ja, was raten Sie ihnen auf dem Weg dahin?

 

Oft  spielen mir sehr gute Bratschisten vor, die einen Rat wollen, weil sie nicht wissen, ob sie wirklich Bratsche oder vielleicht doch lieber Medizin/Physik/Religionswissenschaften… studieren sollen. All diesen Anwärtern lege ich nahe, das Bratschespielen zum Hobby zu machen. Solange man Alternativen hat, ist man nicht wirklich Musiker.

Allen anderen rate ich zu.

Sicherlich ist das Berufsbild des Musikers gerade jetzt nicht mehr so eindeutig wie es früher war. Orchester reduzieren ihr Personal oder werden ganz wegrationalisiert, Stellen an Musikschulen werden gestrichen und durch schlecht bezahlte Lehraufträge ersetzt, die klassische Musikkultur wird im Moment allgemein recht stiefmütterlich behandelt.

Aber es entsteht auch so viel! Ensembles für alte Musik, für neue Musik, Musiktheater, experimentelle Musik und vieles mehr. Diese lebendige Szene kann nur erobern, wer erstens hervorragend ausgebildet ist, zweitens Ideen und drittens Kraft und Mut hat, sich durchzusetzen. Dazu möchte ich meinen Studenten verhelfen!

 

Für Sie ist die Musik im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen kein Hobby. Wobei entspannen Sie sich denn und schalten Sie ab? Gibt es Dinge, die Sie gerne tun und die nichts mit der Musik zu tun haben?

 

Ich habe schon als Kind angefangen Ballett zu tanzen und tanze heute immer noch gern.

Und ich reite gern! Mein größter Wunsch ist es, einmal genügend Zeit für ein eigenes Pferd zu haben. Darauf freue ich mich.

 

Mehr über Karin Wolf: http://www.karin-wolf-viola.de/

 

 

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