Kinderreiche Familien brauchen Verlässlichkeit
Im April hat die Landesregierung eine von Kinder- und Familienministerin Verena Schäffer vorgelegte Formulierungshilfe zur Änderung des Gesetzentwurfs der Landesregierung zum Kinderbildungsgesetz (KiBiz) beschlossen. Damit werden weitere Veränderungen zur Stärkung der frühkindlichen Bildung, mehr Verlässlichkeit und Entlastung der Kitas vorgeschlagen. Die Formulierungshilfe dient als Grundlage eines Änderungsantrags der Regierungsfraktionen.
Hier findet ihr eine Zusammenfassung der geplanten Maßnahmen.
Als Verband haben wir die Pläne genau unter die Lupe genommen und uns dazu positioniert:
Position zur geplanten Novellierung des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) NRW
Verlässlichkeit stärken – Familienrealitäten abbilden – Qualität sichern
Frühkindliche Bildung legt die Grundlage für Bildungswege, soziale Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe. Sie entfaltet ihre Wirkung dort, wo Kinder verlässliche Beziehungen erleben, wo Zeit für Förderung bleibt und wo Strukturen tragen.
Als Verband kinderreicher Familien begrüßen wir ausdrücklich Initiativen, die darauf abzielen, den Alltag von Familien zu erleichtern und die Qualität frühkindlicher Bildung weiterzuentwickeln. Der vorliegende Gesetzentwurf enthält dafür wichtige Ansätze, etwa bei der Flexibilisierung von Betreuungsangeboten, der Fachkräftegewinnung und der Weiterentwicklung bestehender Strukturen. Viele dieser Punkte greifen Themen auf, die seit langem aus Praxis und Fachwelt benannt werden.
Gleichzeitig zeigt sich, dass zentrale strukturelle Fragen weiterhin offenbleiben – insbesondere dort, wo sich im Alltag entscheidet, ob Betreuung verlässlich funktioniert und Familien ihre Lebensrealität darauf aufbauen können.
Familien organisieren ihren Alltag unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Alleinerziehende, Familien mit Pflegeverantwortung, Familien mit Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf und auch Familien mit mehreren Kindern stehen jeweils vor eigenen Herausforderungen. Die Perspektive kinderreicher Familien macht einige dieser strukturellen Fragen besonders sichtbar.
Mehrkindfamilien sind dabei kein Sonderfall, sondern eine relevante Lebensrealität. Das System ist jedoch vielerorts noch stark auf das einzelne Kind ausgerichtet, während Familien häufig mehrere Kinder gleichzeitig organisieren müssen – zeitlich, finanziell und logistisch.
Wenn mehrere Kinder gleichzeitig oder in unterschiedlichen Lebensphasen betreut werden, müssen Betreuungszeiten, Wege und Übergänge miteinander abgestimmt werden. Unterschiedliche Öffnungszeiten zwischen Einrichtungen führen dabei schnell zu Lücken im Tagesablauf. Hinzu kommen Übergänge zwischen Kita, Schule und OGS, die oft nach unterschiedlichen Logiken organisiert sind. Familien denken in zusammenhängenden Tagesabläufen, Institutionen dagegen häufig in einzelnen Systemen. Die Abstimmung zwischen diesen Bereichen entscheidet jedoch maßgeblich darüber, ob Betreuung im Alltag tatsächlich funktioniert.
Fällt Betreuung kurzfristig aus oder werden Betreuungszeiten eingeschränkt, betrifft das nicht nur ein Kind, sondern oft den gesamten Familienalltag – mit unmittelbaren Auswirkungen auf Erwerbstätigkeit, Planung und Verlässlichkeit. Verlässlichkeit bedeutet deshalb mehr als das Vorhandensein eines Betreuungsplatzes. Verlässlichkeit ist real nutzbare Betreuung im Alltag.
Die im Entwurf vorgesehenen flexibleren Betreuungsangebote sind vor diesem Hintergrund ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig zeigt sich, dass Flexibilität allein nicht ausreicht. Entscheidend ist, dass Angebote im Alltag auch stabil umgesetzt werden können – dass Öffnungszeiten eingehalten werden, Notbetreuung nicht zum Regelfall wird und Einschränkungen transparent kommuniziert werden. Diese Verlässlichkeit hängt auch davon ab, dass die Rahmenbedingungen in den Einrichtungen so ausgestaltet sind, dass sie dauerhaft tragfähig bleiben.
Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird im Gesetzentwurf ausdrücklich adressiert. In der Praxis entscheidet sich Vereinbarkeit jedoch weniger an einzelnen Betreuungsplätzen als am Zusammenspiel verschiedener Angebote. Unterschiedliche Zeiten, fehlende Abstimmung oder kurzfristige Einschränkungen führen schnell dazu, dass Erwerbstätigkeit angepasst werden muss. Bei mehreren Kindern verstärken sich diese Effekte, weil mehrere Abläufe gleichzeitig organisiert werden müssen.
Auch die finanzielle Seite bleibt für viele Familien ein zentraler Punkt. Beiträge, Verpflegungskosten und zusätzliche Ausgaben entstehen pro Kind und wirken sich damit je nach Familiensituation sehr unterschiedlich aus. Wenn mehrere Kinder gleichzeitig betreut werden, summieren sich diese Kosten über Jahre hinweg erheblich.
Die vorgesehenen Anpassungen sind Schritte in die richtige Richtung, lösen jedoch noch nicht die grundsätzliche Frage nach transparenter und verlässlicher Entlastung. Aus Sicht kinderreicher Familien braucht es hier langfristig nachvollziehbare und gerechte Lösungen – etwa durch landesweit einheitliche Geschwisterstaffelungen, eine Deckelung der Gesamtbelastung pro Familie sowie eine stärkere Berücksichtigung von Verpflegungskosten. Perspektivisch sollte frühkindliche Bildung insgesamt stärker beitragsfrei ausgestaltet werden und sich nicht nur auf das letzte Kitajahr beschränken.
Im Alltag zeigt sich Qualität für Familien vor allem in stabilen Bezugspersonen, verlässlichen Zeiten und ausreichend Raum für individuelle Förderung. Diese Qualität entsteht nicht allein durch einzelne Maßnahmen, sondern durch ein Zusammenspiel von Rahmenbedingungen, personeller Ausstattung und funktionierenden Abläufen.
Der Gesetzentwurf stellt einen wichtigen Entwicklungsschritt dar und setzt Impulse, die im weiteren Verfahren vertieft werden können. Zugleich wird deutlich, dass die Weiterentwicklung frühkindlicher Bildung eine fortlaufende Aufgabe bleibt, die unterschiedliche Perspektiven einbeziehen muss.
Aus Sicht kinderreicher Familien erscheint es dabei besonders wichtig,
· Qualitätsstandards klarer und verbindlicher auszugestalten
· Finanzierung so weiterzuentwickeln, dass Einrichtungen verlässlich planen können
· Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen so zu stärken, dass stabile Betreuung möglich bleibt
· Familien im Alltag spürbar zu entlasten, auch bei mehreren gleichzeitig betreuten Kindern
· Betreuungszeiten und Übergänge zwischen Kita, Schule und OGS stärker aufeinander abzustimmen
· Eltern in Information und Beteiligung verlässlich einzubinden
· finanzielle Belastungen langfristig nachvollziehbar und tragfähig zu gestalten
· Kinderrechte, Bildungsgerechtigkeit und Inklusion konsequent mitzudenken
Die Perspektive kinderreicher Familien ergänzt aus unserer Sicht den Blick auf das Gesamtsystem. Sie zeigt, wo Abstimmung, Planbarkeit und Verlässlichkeit im Alltag – auch mit mehreren Kindern – besonders entscheidend sind und wo Weiterentwicklungen für viele Familien zugleich Wirkung entfalten können.